Wetter

Soll man überhaupt was schreiben, wenn einem nur das Wetter einfällt. Eigentlich hätte ich auch über einen Handwerker schreiben können, aber der ist nicht gekommen. Ich könnte auch über das Altern schreiben: der kleine Dachkannel oben am Haus wurde meist von mir, mich zum kleinen Fenster hinaus aufs Dach begebend, gereingt. Heute habe ich dann gedacht: bist du dazu nicht vielleicht schon zu alt?  Wann sollte man mit sowas aufhören?  Da fällt mir ein: ich bin mal in der Schule,  ein Wandbild befestigen wollend , ziemlich hoch von der Leiter gefallen.  Die Testuntersuchung im Krankenhaus wurde unterbrochen, weil ein kränkerer Mann kam,  der vom Dach gefallen war. Alter 65 Jahre.  Ich dachte: was macht der Mann mit 65 noch auf dem Dach? Danach: greif Dir mal lieber an die eigene Nase.

Gestern habe ich auch einen ganz ruhigen 1.Mai verbracht,  als Einziges war ich eine Stunde im Fotolabor. Das ist auch was total Veraltetes. Kaum ist etwas Staub auf dem Negativ,  Falten kann man nicht wegwischen, heller oder dunkler machen geht nur mit großem Aufwnd, es stinkt, 20 Minuten brauche ich meist, bis ich den Raum verdunkelt und die Chemie gerichtet habe und die Hälfte davon, bis alles wieder aufgeräumt ist. Man steht halt zu Anfang des 21. Jahrhunderts schon etwas zwischen gestern und morgen. Wenn ich es mit der Lebenszeit verknüpfe, zwischen Geburt und Tod, wobei ich näher am hinteren Ende bin.  Wenn ich es mit der Kunst verknüpfe, dann zwischen dem Weg zum Ungegenständlichen und vielleicht der Rückkehr in neuer Weise des Gegenständlichen. Wenn ich ganz ehrlich bin, langweilt mich ein leerer Karton, oder ein größerer Pflasterstein als Kunstwerk inzwischen. Ich habe sogar von Kunstkennern gehört, dass sie bei manchem in der Moderne keine lange Lebensdauer vermuten. Braucht man vielleicht auch nicht?

Wie das Wetter ist,  merkt man,  wenn man nass wird wie heute, wie das Wetter wird, kann man erleben, wenn man noch lebt.

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4 Kommentare zu „Wetter

  1. das ist ein richtgi toller text. voll lakonie.
    das mit der kurzlebigkeit der modern art – ja, so ein pflasterstein, tja. weisst du. langlebigkeit ist ja letztlich auch bloss eine illusion. am schluss bleibt ja eh nichts mehr. oder alles. so what … 😉

  2. Es gibt schon langlebige Sachen: Bach, Michelangelo usw. schwer halt nur zu sagen, wer unser Bach oder Michelangelo ist. Aber das kann man erleben, wenn mann noch lebt (s.o.) Danke für das Lob des Textes!

  3. Liebe Blinky,

    ich kann dir nicht genau erklären, warum. Aber ich liebe deinen Text. Wie du so erzählst, so teils teilnahmslos, teils mittendrin. Und ich habe mich gefragt, wie es sich anfühlt, sich mehr Richtung „Ende des Lebens“ zu fühlen als in der Mitte oder am Anfang. Und dann ist mir in den Sinn gekommen, dass doch auch wir jungen Menschen uns am Ende befinden könnten, weil wir doch nicht wissen, wann wir sterben. Nun bin ich jünger als du, aber wie das Leben so spielt, könnte es doch auch bald vorbei sein.

    Und was du über die Kunst von heute schreibst, so fällt mir – wie so oft – die Verfügbarkeit von allem ein. Weißt du, wenn ich heute ein Foto schieße, dann geht das so schnell. Ich muss es nicht enwickeln, die Filter nicht auswählen, das kann ich im Nachhinein tun. Ich kann mich unzählige Male verschießen; ich kann retuschieren, ich kann verändern, ich kann daran tun, was auch immer ich will – in kürzester Zeit. Und das entwertet sovieles, selbst, wenn der, der es tut, vielleicht viel Liebe in sich trägt, die er in Form von ein paar Fotos rausbringen will, so wird alles entwertet, weil es eben so schnell geht und im Internet verfügbar sein wird in Form eines Blogeintrages.

    Deshalb befürchte ich manchmal, dass ein Aspekt der Qualität von Kunst die Rarität ist. Die Mühe dahinter. Die schweißgebadeten Nächte, die man daran arbeitet, weil man nicht schlafen kann, bevor man es nicht zu Ende gebracht hat. Und ich glaube, dass Kunst auch an Qualität gewinnt, wenn sie Tabus anspricht. Doch was tun wir in einer Welt, in der die Tabus immer weniger werden? Welchen prägenden Schnitt können wir in unserem Realitätsempfinden dann noch durch unsere Kunst erzeugen? Es wird immer schwerer. Nicht wahr?

    Tut mir Leid, dass ich soviel geschrieben habe. Aber noch einmal: Ich mag deinen Text sehr.

  4. Liebe Sherry, vielen Dank für den lieben Kommentar. Sowas kann einem wieder mit der Schnelligkeit der Zeit versöhnen. Ich habe gerade geträumt, mir bliebe nur wenig Zeit noch zum Leben, weil ausgemacht war, dass man mich umbringen müsste. Vielleicht kann man Zeit gewinnen, wenn man weniger Fernsehen schaut. Auf der anderen Seite war da ein Film über Hesse, in dem es hieß so in etwa: man müsse bezahlen mit Quälerei, sage ich jetzt mal so vereinfacht, für die Schaffung von Kunst. Aber nicht alle Quälerei ist Kunst, da braucht es halt noch was, was man vielleicht irgendwie auf seinen Lebensweg mitbekommt. Na ja-das habe ich in meiner Art versucht, deutlich zu machen. Du bist mit Deinen Gedanken meines Erachtens auf dem richtigen Weg.
    Ich habe mit Blogschreiben begonnen, weil ich gedacht habe, es ist vielleicht nicht verkehrt, wenn auch mal jemand Älteres schreibt.

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