Kennen und lieben

Was schwierig ist an der Kunstrezeption, ist eigentlich einen Zustand zu erreichen, der es einem ermöglicht, Gedanken des Künstlers, der Künstlerin nachvollziehen zu können. Wahrnehmen, sich die Fragen mit den vielen Ws stellen (wer sagt was zu wem mit welcher Absicht?) und dann berührt, begeistert, verliebt sein. Da der Künstler sich intensiv arbeitend in einer Gedankenfolge befindet, ist das für den Menschen, der sich um Haushalt, Beruf und Kinder kümmert, gar nicht einfach. Meist bleibt er in einer Art Wartezimmer- ich will, aber wenn ich mehr Zeit habe, dann steige ich voll mit ein… In diesem Wartezimmer sollte man mit Vorurteilen und Dummsprüchen vielleicht etwas sorgsam umgehen.

Besonders schwer ist es sicherlich für TV und Zeitungsreporter, wenn sie beruflich über Kunst schreiben sollen, aber keine Zeit haben, sich damit zu beschäftigen. So hat sich eine Fernsehreporterin bei einer Preisverleihung für meine Tochter in Mainz ganz schön verhampelt, ein Reporter, der in der Zeitung über eine Aktion zur Förderung eines Skulpturenweges über St und M geschrieben hat, hat einen Griff ins Klo gelandet. Das mag ich gar nicht. Muss ich so etwas machen, könnte ich doch wenigstens mal ins Internet schauen, um zu wissen, worum es überhaupt geht.

Deswegen mache ich auch nur noch  Laudatien über Freunde. Es war das letzte Mal schon sehr heikel, weil es eine Doppelausstellung war, und ich mich der 2. Person sehr mühsam nur genähert habe.

Da muss ich den Vorsitzenden unseres Kunstvereines loben, der sich mit der Arbeit meines Sohnes beschäftigt hat, eh er eigentlich nur sehr knapp und locker die Laudatio gesprochen hat- vermutlich hatte er auch etwas Angst vor mir. Warum haben die anderen nicht auch etwas Angst vor mir? Dummschwätzerei über kluge ernst gemeinte Kunstwerke sind schwer zu ertragen.

Um noch mal kurz auf den Titel zu kommen: meine Tochter hat mir ein Buch von Stèphane Hessel  O ma memoire  Gedichte, die mir unentbehrlich sind, geschenkt- ich schaue zum 1. Mal rein, finde eine Zeile von Franz Hessel aus rotes Laub (1880)

„Der Frühling kam leicht wie ein Wolkenflug:

Mir ward an seinem feinen Schimmer nicht genug.“

So was kann man doch mögen und wenn man Sprache mag, oft und viel liest, dann versteht man auch Zeilen, die dem flüchtigen eiligen Leser verschlossen bleiben.

 

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