morgens- abends

Manchmal, wenn ich nicht zu schnell aufstehen muss, stelle ich mir morgens die Frage: was willst du heute tun?
Da gibt es auch Pflichten wie: Bild aus der Ausstellung abholen, Briefe für Kuvverein fertig machen, Brennofen erst freistellen, dann an machen usw. und dann am Abend die Frage: Was hast du Sinnvolles heute gemacht?
Warst du in irgendeiner Weise kreativ?
Muss ich mich, ähnlich wie im Märchen, wo man sich, soweit ich mich richtig erinnere, durch einen Berg Gries essen muss, um ins Schlaraffenland zu kommen, muss ich mich erst mal durch einen Berg mehr oder weniger sinnvoller Arbeiten fressen, bis ich was in meinem Sinn Sinnvolles machen darf-kann. Manchmal bin ich genervt, dass so viel von meiner Zeit von irgendwas verbraucht wird. Heute habe ich mit meinem Bild von 1,50×1,50 m im Rücken an der Straße stehend auf einen Freund wartend, der es ins Atelier fahren wollte, gewundert, warum mich das Warten so nervt. Lebe ich in der Vorstellung, ständig irgendwas zu müssen?
Warum stand ich mit dem Bild an der Straße? Die Stadt hat das kleine Sträßchen, das zur Abholung vorgesehen war, ohne Vorwarnung auf halben Weg gesperrt und es gab für ein Auto mit Hänger keine Wendemöglichkeit, weil alles voll Autos war.
Aber darum geht es nicht.
Schon Kinder haben eine gut gefüllten Tagesablauf. Als ich Kind war, hat sich niemand drum gekümmert, was ich mache, wenn die Schule aus ist. Einmal hatte ich Häkelunterricht, der mit frischen Eiern bezahlt wurde, daran kann ich mich erinnern und dass meine Topflappen meistens Eierwärmer wurden. Ich erinnere mich auch, dass eine Hausbewohnerin sich beschwert hat, weil ich auf einem Baum sitzend lang „lustig ist das Zigeunerleben“ gesungen habe. Ich singe aber auch ziemlich falsch.
Aber wann habe ich das letzte Mal „lustig ist das Zigeunerleben“ einfach so vor mich hin gesungen?

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12 Kommentare zu „morgens- abends

  1. Tja, die Frage nach den „Unsinnigkeiten“ im Ablauf stelle ich mir auch öfter mal.
    Doch wenn ich drüber nachdenke, sind die Zeiten „dazwischen“ nicht verloren. Selbst wenn sie meine Aufmerksamkeit erfordern, laufen im Unbewussten Prozesse weiter, die hinführen zum kreativen Tun. Diese Pflichten helfen uns auch, einen strukturierten Ablauf zu haben – uns nicht zu verlieren…
    Klar, wenn man sich gerade mitten im kreativen Prozess befindet, kann es lästig sein, seiner Pflicht nachgehen zu müssen. „Art Interruptus“ sozusagen. 😉
    Ob man sich seine Tage „vollstopfen“ muss, ist eine andere Frage. Auch warum man es tut.

    Auf Häckelunterricht, der mit Eiern bezahlt wird, könnten wir auch wieder zusteuern. 🙂
    Nein, es ist nie verkehrt, ein Liedchen zu trällern!

  2. Ich denke, Du hast recht- wenn man plötzlich nichts anderes zu tun hat, als kreativ zu sein, ist das auch blöd, weil man es nicht gewohnt ist. Es kann sogar sein, dass man in ein Loch fällt.
    Trotzdem denke ich manchmal, ob ich meine Zeit so gestalten könnte, dass ich mir weniger nervös und gehetzt vorkomme. Das k will mehrfach angetippt werden. 🙂

  3. das ist ein wunderbarer, warmherziger text, liebe u.! ach, hätten wir doch wieder musse für „zigeunerleben“ singen.
    ich habe dieses dilemma auch. vor allem krisele ich immer bei der definition „sinnvoll“ – ist lesen weniger sinnvoll als bewerbungen schreiben? grmpf.

    ich glaube, heute gehe ich in den wald und singe ein wenig. aber eigentlich habe ich ja keine zeit.

    ich hatte immer gehofft, dass sich-gehetzt-vom-leben-fühlen höre auf, wenn ich dann mal älter bin. aber du bist ja ein paar järchen älter und hast es immer noch … hm. ich hoffe, dass wir es schaffen, die zeit so zu gestalten, dass es sich „richtig“ anfühlt.

    herzlich, soso

  4. Ah, hast Du aber auch noch den Hintergrund von Blau auf Bild geaendert:) Ich versuche auch nach Moeglichkeit zu stopfen aber wie Mika sagt, dadurch werden zehn Sekunden nicht laenger.

      1. Wenn Du den Header meinst, da war der Himmel so farblos auf meinem Foto, wie er in echt war, weiß ich nicht mehr.

  5. Jaja, das K! Ich sag nur: Reiseschreibmaschine. 🙂

    Genau so: Löcher vermeiden, trotzdem zwischendurch Pausen, damit man sich nicht hetzt.

    jj hats auch gemerkt, du hast ein schönes Herbstbild als Header!

  6. Was für ein schöner Text das ist … Ich hatte ihn letztens schon im Bett gelesen, aber mit dem iPhone schreibe ich inzwischen ungern Kommentare. Weißt du, wir Erwachsenen verlieren durch unser Pflicht- und Verantwortungsgefühl manchmal auch diesen „Flow-Effekt“. In etwas vollkommen aufgehen, den Sinn dahinter nicht mehr hinterfragen. Sinn ist, im Hier und Jetzt zu tun, was man tut. Ich finde, das kann man besonders gut beim Malen oder bei Gartenarbeit empfinden. Oder beim Lesen. Am Schönsten ist es aber, wenn man dabei nicht nur aufnimmt und passiv ist, sondern selbst mit den eigenen Händen etwas tut.

    Wir werden heute vermutlich von viel zu vielen Dingen gestört. Z.B. durch die Frage der „Sinnhaftigkeit“ dessen, was wir tun. Sie ist uns wirklich in Fleisch und Blut übergegangen. Versteh‘ mich nicht falsch, ich bin keine Anarchistin und auch nicht sonderlich links gerichtet, weil ich den Menschen für untauglich halte, eine linke Regierung ohne größere menschliche Desaster aufzubauen, aber die größte „Aufgabe“ (und schon wieder formuliere ich das als Aufgabe) besteht doch darin, dass wir uns neben dem Tun des Alltags auch Ruhephasen einlegen, in denen wir eben diesen „Flow“ empfinden. Gar nicht mal so einfach.

    Ich muss jedoch gestehen, dass ich es nicht so gerne hätte, wenn ich nur für mich leben würde, nichts tun würde, von dem auch andere profitieren. Dieses absolute „für mich das und jenes tun und mich finden“ erfüllt mich in keinster Weise, wenn ich nicht daneben noch eine Arbeit habe, in der ich zwar aufgehe, die aber auch mit Verantwortung einhergeht.

  7. Ein Superkommentar! Eben habe ich mir mal wieder einige Schritte draußen gegönnt. Wenn ich dann noch den Foto dabei habe und was mir gefällt festhalten kann… so dieses Gefühl: hier rinnt mir die Zeit nicht nur durch die Finger, es bleibt ein Gefühl von Erlebnis (was für ein Wort) hängen.

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