Erleben

Wie soll ich anfangen? Vielleicht mit einem Erlebnis?
Ich war so 7 Jahre etwa alt, bin gern auf Geländern balanciert. Einmal führte mich der Weg auf dem Geländer auch über eine Eisenbahnbrücke. Ein Linienbus hielt an, der Fahrer sprang heraus und riß mich vom Geländer. Ganz außer Atem war er, und ich musste versprechen, so was nie wieder zu machen, ehe er in den Bus stieg und weiter fuhr.
Man erlebt ja heute so einiges im Fernsehen, manchmal kann man sich fragen: habe ich das in Wirklichkeit oder im Film gesehen?
Viele Privatpersonen filmen Ereignisse mit ihrem Handy, die dann auf Ytube oder im TV zu sehen sind. Erlebnisse festhalten zu können ist ein Hobby geworden. Irgendwo schlägt eine Katze Purzelbaum, ich kann es sehen.
Flache Erlebnisse ersetzen vielleicht manchmal dreidimensionale Erlebnisse. Die Gewohnheit des Zuschauens blockiert vielleicht auch einmal die Fähigkeit zum Handeln.
Ein 2. Erlebnis:
Wir sind ja oft auf Kanuwettkämpfe gefahren. Die Teilnehmer fallen halt auch ins Wasser und befreien sich dann mal mehr oder weniger gut. In Augsburg hatte mal ein Junge in verhältnismäßig flachem Wasser Schwierigkeiten unter einer Brücke aus seinem Boot raus zu kommen, das in einer kleinen Wasserrolle drehte. Ich wollte gerade über den Zaun, ein anderer Kanute war schon ins Wasser gesprungen, da hat er sich befreien können. Am anderen Ufer stand ein Mann mit einer Kamera. Später sah ich den Jungen an dieser Stelle stehen und fragte ihn, ob der Mann mit der Kamera sein Vater war, was er bejahte.
Einer stoppt einen Linienbus, um zu helfen, ein anderer kann nicht mal die Kamera fallen lassen.
Manchmal habe ich Angst, durch falsches Reagieren nicht richtig helfen zu können. In schwierigen Momenten das Richtige tun zu können, ist nicht einfach. Es fallen mir noch viel Ereignisse ein- flache und dreidimensionale. Vielleicht ist es nicht verkehrt, wenn man den flachen Erlebnissen nicht zu viel Raum gibt.

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5 Kommentare zu „Erleben

  1. Die Gewohnheit des Zuschauens blockiert vielleicht auch einmal die Fähigkeit zum Handeln.
    – oder auch die fähigkeit noch selbst zu erleben und zu empfinden? darum finde ich es eigentlich toll, dass beim bloggen die kommentarfunktion dabei ist.

    bei büchern möchte ich auch manchmal die autorin/den autor etwas fragen, kann es aber nicht.

    wenn ich immer nur blogs lesen und „konsumieren“ würde, verlöre ich vielleicht eines tages die fähigkeit zum selbstbloggen?

    +++

    wie sich der junge gefühlt hätte, wenn er sich nicht selbst hätte helfen können? und der vater? wollte er helfen, aber sie hatten abgemacht, dass er nicht in erscheinung treten darf? (ich jedenfalls als junger mensch hätte das sicher nicht gewollt, da wollte ich immer alles selbst schaffen … ist eigentlich noch immer so … aber nicht mehr so dogmatisch). damit will ich nur sagen: der vater hat vielleicht nicht aus glotzsucht nicht geholfen. er wusste: mein sohn kommt klar. auch eine art von unterstützung.
    will heissen: wir wissen wirklich nie, warum andere wie handeln.

    ich übe mich darin, mich innerlich immer wieder genau daran zu erinnern. und das urteilen und schlussfolgern über andere zu lassen.

    das ist ganz schön schwierig. aber wem sag ich das?

    +++

    ich mag deine gedankenanregungen!!!

  2. Was Du über den Vater des Kanuten sagst, habe ich mir so noch gar nicht überlegt. Aber bei allen Abmachungen: die Nerven hätte ich nicht. Dein letzter Satz ist mir viel wert. Danke!

  3. Geistesgegenwart! ich bewundere so sehr geistesgegenwärtige Leute, die wissen, wann es an der Zeit ist, einzugreifen und wann alle Sorgen sinnlos sind. Oder einfach: unnötig.

    1. Ich habe schon oft erzählt, dass meine Mutter geistesgegenwärtig sein konnte. Ich halte auch meine Freundin Sül. für geistesgegenwärtig.

  4. Liebe Blinky …

    Das hier war ein sehr ergreifender Beitrag von dir. Mir fallen soviele Gedanken dazu ein, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Es gibt Menschen, die sind wie paralysiert, wenn so etwas geschieht, andere wiederum haben Angst, etwas Falsches zu tun und tun gar nichts (und hoffen, dass ihre Anwesenheit und das Hinsehen vielleicht so gesehen werden kann, dass sie nicht untätig waren, zumindest nicht ignorant waren.) Andere wiederum handeln, ohne groß nachzudenken. Und hier möchte ich dir sagen, Blinky, dass das meistens die sind, die richtig handeln. Also hab keine Angst.

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